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Musical von den "The Tiger Lillies", Julian Crouch und Phelim McDermott, Musik von Martyn Jacques
  "Struwwelpeter"
 
Premiere am 17. September 2016
     
 
Regie: Carsten Knödler
    Ausstattung: Stefan Morgenstern
    Musikalische Leitung/Arrangements: Steffan Claußner
     


   

Als der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann 1844 seinem dreijährigen Sohn Carl ein schmales Bilderbüchlein unter den Weihnachtsbaum legte, ahnte er nicht, dass es unter dem Titel "Struwwelpeter" weltberühmt werden würde. Seither gibt es keine Generation, die ohne den Schauer des Buches aufwuchs. Und keine Pädagogengeneration, die nicht über den Inhalt gestritten hätte, denn derart mortale Konsequenzen für kindliches Fehlverhalten passen so gar nicht ins Weltbild humanistisch-bürgerlicher Erziehung. Immerhin ertrinkt da Hanns Guck-in-die-Luft im nahen Fluss, verbrennt das zündelnde Paulinchen mit Haut und Haar bis auf die roten Schuhe und werden dem Daumenlutscher die süßen Fingerchen mit der großen Schere abgeschnitten. Nein, das ist nicht gut, gar nicht gut, wenn man den "Struwwelpeter" als pädagogische Drohschrift liest. Der Clou des lustvoll-morbiden Musicals liegt jedoch in der Umkehrung. Papa und Mama Biedermann sehnen sich nach einem Kind. Als der Storch den erhofften Sprössling endlich in ihre Bilderbuchidylle bringt, entpuppt er sich als Struwwelpeter und stellt das ach so artige Weltbild der Eltern höchst anarchisch in Frage. Oh Schreck, oh Graus. Plötzlich sind es nicht mehr die Kinder, die ihr Fett abkriegen, sondern die Eltern, die ihren Kindern nur ein hohles Erziehungsgebäude auf den Weg zu geben vermögen, weil sie sich ihren eigenen Ängsten nicht stellen. Unvorbereitet werden sie mit kindlicher Anarchie und Vitalität konfrontiert, vor der sie in Aspik und Alkohol erstarren.

Text - Theater Chemnitz !!!

Die Premiere spielten:
 
Marko Bullack
Magda Decker
Jan Gerrit Brüggemann (Michel Diercks)
Ulrike Euen
Dominik Frötsch
Andreas Manz-Kozár
Philipp von Schön-Angerer
Pauline Schoenke*
     
* Statisterie
 
Band:
Bass, Helikon
-
Tobias Brunn
Kladrei, Klavier, Akkordeon
-
Steffan Claußner
Posaune
-
Gregor Kuhn
     
Banjo, Dobro Gitarre
-
Dominik Frötsch
Saxophon, Dobro Gitarre
-
Andreas Manz-Kozár
Banjo
-
Philipp von Schön-Angerer
Banjo, Theremin
-
Michel Diercks
Blockflöte
-
Ulrike Euen
 

KRITIK:

Theaterförderverein

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Schaurig-morbide Premiere
Struwelpeter begeistert im Schauspielhaus

Skuril, morbide und mit viel schwarzem Humor: Das ist der "Struwwelpeter (Shockheaded Peter)". Die bekannten Geschichten von Heinrich Hoffmann feierten am Sonnabend in einer Musical-Version von "The Tiger Lillies" im Schauspielhaus Premiere.

Noch bevor sich der Vorhang hob, trat Schauspieldirektor und Regisseur Carsten Knödler auf die Bühne und wünschte den Besuchern "gute schaurige Unterhaltung". Und die hatte das Chemnitzer Publikum: Die Darsteller Jan Gerrit Brüggemann, Marko Bullack, Magda Decker, Ulrike Euen, Dominik Förtsch, Andreas Manz-Kozár und Philipp von Schön-Angerer zeigten sich als schaurige Bande. Die Schauspieler tanzten und sangen sich mit Spielfreude und Energie durch die Geschichten vom Zappelphilipp, Suppenkasper und Daumenlutscher.

Angesiedelt ist das Stück in einer Friedhofskulisse (Bühne/Kostüme: Stefan Morgenstern), wo die Darsteller um die Gräber tanzen, in Brunnen fallen oder aus einem Sarg steigen, mit zur Szenerie passenden Kostümen. Die Inszenierung von Carsten Knödler erinnert an Tim Burton oder "Die Adams Familie" - und das kam beim Publikum an. Nach minutenlangem Applaus konnte es sich noch nicht von den Schauspielern trennen und bekam eine spontane Zugabe.

VW, Chemnitzer Morgenpost, 19.09.2016

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Pädagogik unterm Sargdeckel
Dieser "Struwwelpeter" ist nichts für Feiglinge - aber auch keine Abrechnung mit dem Original von 1845: In der Version der britischen Kultband The Tiger Lillies atmet der Stoff den morbide-spaßigen Charme eines Tim-Burton-Films.

Wer das Kinderbuch "Struwwelpeter" wegen seiner Grausamkeit auf dem Index sieht, wird von der gleichnamigen Chemnitzer Musical-Inszenierung nach Lesart der Tiger Lillies ziemlich gegen den Strich gekämmt. Allein deswegen hätte man sich die pädagogischen Hinweise am Schluss des Stücks nach knapp zwei Stunden ohne Pause schenken können, wonach jeder vor seiner eigenen Haustür zu kehren hat, falls er sich zum besseren Pädagogen aufschwingen will: Denn bei aller Tiefe, die diese unernsten Szenen auch erreichen wollen, überwiegt hier der Spaß am Nonsense. Vor allem fasziniert die märchenhafte Groteske mit schaurig-schönen Untoten mit jeder Menge irrer Typen, die ihrerseits von einem grandios spielenden Ensemble prachtvoll überzeichnet werden.

Die Bühne zeigt einen romantischen Friedhof, schön gruselig und rätselhaft ausgeleuchtet wie in einer Märcheninszenierung: sanft abfallende Treppe, Brunnen, Kreuze, Grüfte. Hier gehen die Sargdeckel auf, Sargdeckel zu, geben sich untote Typen ein Stelldichein, die allesamt einen Knall haben. Normal ist hier nichts, aber was ist schon normal? Durchgespielt werden tatsächlich die Szenen aus dem Struwwelpeter-Kinderbuch von 1845 von Heinrich Hoffmann, eingebettet in eine Rahmenhandlung. Dabei rekapitulieren die Opfer elterlichen Größenwahns aus ihrer Friedhofssicht, was ihnen geschah.

Ausstatter Stefan Morgenstern hat sie allesamt in tolle Kostüme gesteckt, stark inspiriert von einer Dark Fashion in Rot und Schwarz mit Rüschen, Netz und jeder Menge wirrem Haar - denn dafür steht ja Struwwelpeter: "Seht einmal hier steht er, pfui, der Struwwelpeter". Doch erstmal kommt er auf die Welt, und seine Eltern, die freuen sich über das Paket vom Storch. Tatsächlich senkt sich ein Storchenschnabel schicksalhaft herab wie ein Riesenpfeil mit einem wimmernden Päckchen. Natürlich machen die Eltern alles falsch, das ist das Grundprinzip: Sie verbieten, sie drohen, sie bestrafen, sind autoritär. Minz und Maunz, die Katzen, beweinen Paulinchens Feuertod, von dem nur ein Häuflein Asche bleibt, tatsächlich ein rieselndes Häuflein. Dem Daumenlutscher Konrad schneidet der Schneider mit der "Scheer" die Daumen ab, was sonst? Flupp, weg sind sie. Der Suppenkaspar ist am fünften Tag tot, weil er seine Suppe nicht isst, und schließlich Zappelphilipp: Hier biegt sich der Stuhl unter Philipp derart vor und zurück, dass einerseits die Bühnentechnik bewundert wird, andererseits er das Schicksal der anderen teilt, von Messern durchbohrt. Die Kindlein sterben am Ungehorsam. Dass dies bei Carsten Knödler mit Augenzwinkern passiert, die Komödianten um Ulrike Euen (Damen) und Philipp von Schön-Angerer (Herren) die pure Lust des Spiels entfalten, versteht sich von selbst. Musikalisch raffiniert umgesetzt wird das Moritatenwerk von einem Team unter Steffan Claussner, auch die Schauspieler kann man live an Banjo, Saxophon und Blockflöte erleben, vor allem singen sie hingebungsvoll die Titel, die sich zwischen Punk und Clowns-Tradition, Russendisko und Balkanpop einordnen lassen.

Für schwache Nerven ist das frühe Ableben der schwer erziehbaren Jugend nichts. Dennoch war das Publikum in der Premiere sehr entzückt, denn das Stück langweilt dank exzellenter Schauspielkunst keine Minute. Literaturfreunde haben außerdem Ratespaß, denn zitiert wird querbeet von Wilhelm Buschs "Max und Moritz" bis hin zu Shakespeares Richard III. Und wer seinen "Struwwelpeter"bereits in die zweite Buchreihe verbannt hat, kann ihn ja nunmehr einer kritischen Lesung unterziehen: Die "Geschichte von den schwarzen Buben" hat nur andeutungsweise den Weg auf die Bühne gefunden..

Marianne Schultz, Freie Presse, 20.09.2016

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VIDEO

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Schön Schräg !
Bizarre Unterhaltung mit Musik der Tiger Lillies.

Blutrot öffnet sich der Samtvorhang. Ein weißer Engel schwebt hoch oben und schüttet Poesie über den düsteren Friedhof der ungehorsamen Kinder. Das wird schräg, so viel steht fest. Und darüber hinaus auch skurril, albern, beschwingt, schauerlich und mehrfach tödlich. Wer die Geschichten aus Heinrich Hoffmanns berühmtem Buch "Struwwelpeter" kennt, der weiß längst, dass Kinder, die nicht hören wollen, eine schlechte Überlebensprognose haben. Zumindest bei streng erziehenden Eltern, wie denen vom Struwwelpeter, vom Zappel-Philipp, vom Suppenkasper, vom Daumenlutscher, vom bösen Friedrich, vom Hans Guck-in-die-Luft, vom fliegenden Friedrich oder dem zündelnden Paulinchen. Sie alle steigen in dieser Inszenierung nun aus ihren Gräbern und erzählen ihre kruden Geschichten.

Ausstatter Stefan Morgenstern achtet dabei streng darauf, dass sowohl der Schauplatz als auch die Untoten diesen bizarren und komisch-morbiden Charme mitbringen, als seien sie einem Tim-Burton-Film entsprungen. Und Regisseur Carsten Knödler lässt seinerseits nichts unversucht, um die Horror-Komödie immer neu mit Kurzweil aufzuladen. Da darf Phillip von Schön-Angerer auch gern mal den Klassiker mit der würgenden Skeletthand bringen, Ulrike Euen im geteilten Körper auftreten, Andreas Manz-Kozár am Saxophon brillieren, Marko Bullack mal wieder die Stöckelschuhe anziehen, Magda Decker im Kleid qualmen und Dominik Förtsch im Sarg niesen (auch wenn das womöglich unfreiwillig komisch war). Wobei das alles nur die Randnotizen sind zu einem Ensemble, dass sich mit unbändiger Spielfreude durch die Groteske schlägt, singt, musiziert, während die Musiker unter Leitung von Steffan Claußner dem Ganzen die richtige Stimmung verpassen: zwischen Punk und Balkanbeat, Moritat und Blues.

So nimmt dieses irre Treffen der Erziehungsopfer denn auch eine ganz eigene Dynamik an, kostet aus, wenn Daumen abgeschnitten werden oder böse Buben ihr Unwesen treiben und lässt dann wieder fünf Tage ohne Suppe im Fluge verstreichen. Tempo stimmt, Attitüde stimmt, Musik stimmt, Schauspieler brillieren, Vorhang zu - ein großartiger Saisonauftakt mit Suchtgefahr.

Jenny Zichner, Stadtstreicher Chemnitz, 10. 2016

 


 

 

  Erstellt am 15.10.2017