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Stück mit Musik von Daniel Call
Musik von Niels Fölster
  "Charleys Tante "
 
Premiere am 17. März 2007
     
    Musikalische Leitung: Niels Fölster
 
Regie: Daniel Call
    Ausstattung: Marcus Lachmann
    Choreographie: Ute Dagmar Höhnerbach
     

Regisseur und Autor Daniel Call bringt einen Klassiker mit neuem Text ans Chemnitzer Theater.

Brandon Thomas hat vor mehr als 100 Jahren wahrscheinlich nur an einen kleinen Spaß mit Männern in Frauenkleidern gedacht. Ein bisschen hihi, ein bisschen huhu, verschämtes Kichern, errötende Frauen, hüstelnde Herren. Ein Offizier, der sich als Frau verkleidet – gegen Ende des 19.Jahrhunderts war Travestie noch ein großer Tabubruch.
Ganz der deftige Humor, den der gelernte Schiffszimmermann und spätere Schauspieler Brandon Thomas von der Arbeit auf der Werft gekannt haben wird. Er schrieb die Farce, den Schwank, den Schenkelklopfer „Charleys Tante“. Das Stück hatte 1892 Uraufführung am Londoner Royalty Theatre und machte seinen Erschaffer sehr schnell so reich, dass der ohne Sorgen leben konnte. Der Autor verstarb allerdings schon 58-jährig in London.
„Charleys Tante“ jedoch überlebte und vermehrt sich stetig. Das Werk wurde in 28 Sprachen übersetzt, unter anderem in Esperanto. In London gab es einen Club, dem nur Schauspieler angehören durften, die schon eine Rolle in Charleys Tante gespielt hatten. Der Club zählte 1000 Mitglieder.

Sekt-Schwipps-Abend

Und so häufig wie die Aufführungen sind auch die Übersetzungen des Schwankes. „Davon gibt es doch 1000 und eine Version“, heißt es beim Verlag Felix-Bloch-Erben, der zumindest zwei davon verwaltet. Eine weitere dürfte sich Sonnabend Abend in die lange Reihe der „Tanten“ einfügen. Am Schauspiel Chemnitz feiert dann nämlich der Autor und Regisseur Daniel Call die Uraufführung seiner Interpretation des alten Thomas-Stückes.
Die Stimmung eines „Sekt-Schwipps-Abends“ will Call auf die Bühne bringen, mit „Saloncharakter, so ein bisschen altmodisch, eine Hommage an Oscar Wilde“, sagt er. „Ich will gar nicht so tun, als würde ich hohe Kunst machen.“ Macht er auch nicht. Er bringt eine Komödie auf die Bühne, an der er nur schwer scheitern kann. Lieber gut kopiert, als schlecht erfunden, sagt der Autor, sei auch sein Motto.
Deswegen sind die Protagonisten noch immer die gleichen wie vor 100 Jahren: Charley, Jack, deren Butler, Lord Fancourt Babberly, der später die falsche Tante mimt, zwei hübsche Mädchen, die echte Tante Donna Lucia D’Alvadorez und deren Begleitung Ela Delahay. Und noch immer spielt der Dreiakter an einem schönen Sommertag. Noch immer verkleidet sich ein Herr. Man verliebt sich kreuz und quer und am Ende bekommt jeder, wen er verdient. Jedoch legt der 40-jährige Call seinen Figuren einen völlig neuen Text in den Mund. Auch wenn sie moderner sein sollen – im Tonfall gleichen die gutbürgerlichen Konversationen durchaus denen Brandon Thomas’: Spitzzüngige Wortgefechte, ergänzt durch selbst geschriebene Songs. Gesungen haben die Tante und ihre Anverwandten auf der Bühne und im Film schließlich schon immer sehr gern. Die Lieder hat Call selbst geschrieben. Robbie Williams sei da zum Beispiel eine Inspiration gewesen. Die Musik komponierte Niels Fölster.
Und der lässt dann den berockten Mann im AC/DC-Takt über die Bühne stampfen oder Jack und Charley sanft im Duett schmachten. „Was ich für dich empfinde, passt zu keinem Pinselstrich“, säuselt Charly da seinem Mitbewohner ins Ohr. „Die Musik ist größer als das Wort“, sagt der Autor. „Sie kann all das ausdrücken, woran der normale Text scheitert, was man einfach nicht sagen kann.“ Oder darf, zumindest nicht im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dass Charley nämlich schwul ist und ganz im Gegensatz zur tuntigen Tante so gar keinen Gefallen an den Schwestern Kitty und Mimi findet.

!!!Text von Christina Wittich, Sächsische Zeitung, Samstag, 17. März 2007 !!!

 
Die Premiere spielten:
Jack Chesney
-
Michael Pempelforth
Charles Brecneck
-
Tobias D. Weber
Lord Fancourt Babberley
-
Michael - Paul Milow
Mimi Spettigue
-
Antje Weber
Kitty Spettigue
-
Sylvia Bretschneider
Sir William Spettigue
-
Klaus Schleiff
Colonel Sir Francis Chesney
-
Stefan Schweninger
Donna Lucia di Alvadorez
-
Anne - Else Paetzold
Elli Delahay
-
Melina von Gagern
James, Butler
-
Tilo Krügel
Der unheimliche Gast
-
Chantal Dérange
     
     
Keyboard
-
Niels Fölster
Gitarre
-
Uwe Weidling
Bass/Bassgitarre
-
Ingo Schreiter
Violine
-
Konstantin Zahariev / Bela Lepetit
Schlagzeug
-
Jürgen Kober
 

KRITIK:

Theater-Clips für die TV-Generation

Daniel Call bringt den Komödien-Klassiker "Charleys Tante" in Chemnitz als grell-buntes Musical heraus

Chemnitz. Es ist Theater für die TV-Generation: grell, bunt, laut. Für ein Publikum, dem man nicht zutraut, mehr als nur Gags im Zwanzig-Sekunden-Takt zu wollen. Man kann bei einem Komödien-Klassiker wie "Charleys Tante" nicht viel falsch, man darf es sich aber auch nicht zu einfach machen. Daniel Gall hat am Samstagabend im Chemnitzer Schauspiel seine Version auf die Bühne gemacht, er inszeniert den Stoff als Musical mit allerlei Knall- und Glitzereffekten.
Die Geschichte: Jack (Michael Pempelforth) und Charles (Tobias D. Weber) sind typische Dandys, dauernd abgebrannt, schnell gelangweilt. Um ihr Finanzproblem zu lösen, wollen sie die ewig kichernden Zwillingsschwestern Kitty (Antje Weber) und Mimi (Sylvia Bretschneider) ehelichen. Doch bevor es überhaupt zu amourösen Annäherungen kommen kann, muss man sich erst einmal kennen lernen - und das geht im viktorianischen England nicht ohne Anstandsdame.
Doch die ist verhindert. Also muss eine andere her - oder wenigstens einer, der die Tante gibt: Lord Fancourt Babberley (Michael-Paul Milow) schlüpft ins ausladende Scarlett-Kleid sowie die Rolle der Gouvernante. Das geht gut, bis die echte Tante samt Gesellschafterin (Melina von Gagern) auftaucht. In letztere ist die falsche Tante eigentlich verliebt, mit der echten Tante hatte der Vater mal was - kurzum: Irrungen, Wirrungen, Verwechslungen am laufenden Band sowie natürlich ein Happy End.
War's das? Das war's. Daniel Call setzt auf Travestie und Slapstick. Das Problem: Man hat den Stoff schon besser gesehen. Brandon Thomas' Original wurde hundertfach adaptiert. Das Stück wurde verfilmt, mit Oliver Hardy in der Stummfilmvariante, später mit Heinz Rühmann und Peter Alexander, zuletzt in der Regie von Sönke Wortmann. Es ist eine der bekanntesten Komödien der Welt - und das lässt einem als Regisseur eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man macht das Ganze konsequent im Hier und Jetzt oder hält sich strikt ans Original. Die Call-Variante changiert auf unentschlossene Weise dazwischen, mischt Viktorianismus-Kulisse mit Videoclip-Tempo.
Dabei ist nicht viel zu spüren von der viktorianischen Doppelmoral, nichts von jener aufstrebenden Mittelschicht, die alles wollte, nur nicht viel tun. Der Abgott der Epoche hieß Produktivität - und dem ist scheinbar auch Daniel Gall verfallen. Er schreibt Stück um Stück, aber man wird das Gefühl nicht los, dass etwas mehr Zeit, etwas mehr Arbeit am Text der Sache nicht schaden würden.
Über weite Strecken ist es der derbe Schenkelklopferhumor eines Brandon Thomas, der von Hause aus Werftarbeiter war und entsprechend schrieb. Damit erreicht man nicht die geschliffene Eleganz eines Oscar Wilde - aber da landet man eben schnell beim Fernsehschwank. Bei dem Sperrfeuer mehr oder weniger guter Pointen erlahmt die Aufmerksamkeit für spitzzüngige Seitenhiebe, zumal die Aufreger der viktorianischen Epoche heute keine mehr sind: ein Offizier im Fummel, das ein oder andere gestrauchelte Frauenzimmer, tuntiges Gehabe als Ausrede für heimliche Tatschereien und ein Mann, der eigentlich in einen anderen Mann verliebt ist.
Die Musik wiederum, komponiert und umgesetzt von Niels Fölster samt Band, funktioniert als schmissige Dreingabe, auch wenn die Sangeskünste der Schauspieler sehr unterschiedlich sind. Ein Hingucker des Abends ist Tilo Krügel, der als Butler des Männerhaushalts mit immer neuen Namen von James bis Elmar durch die Szene stolpert.
Insgesamt eine bunte Inszenierung, die das Publikum in zwei Lager spalten dürfte: in diejenigen, die eine solche Farce durchaus abkönnen und sich dabei königlich amüsieren, und diejenigen, die eine viktorianische Seifenoper lieber mit mehr ironischer Distanz mögen.

Katja Uhlemann, Freie Presse, 19.03.2007

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Vertuntete ‚Charleys Tante' im Chemnitzer Schauspielhaus
Piff und Paff, Huch und Hach

CHEMNITZ - Der Bühnenhintergrund ist wunderwunderwunderschön. Was für ein bunter Garten Eden, voll von prächtigen Rosen, üppigem Grün, stolzem Pfau, darüber azurblauglasklarer Himmel, da und dort ein hingetüpfeltes Weißwölkchen.

Was noch ist sehenswert in Daniel Calls Fassung von "Charleys Tante", der Komödie aller Komödien, dem Kracher der Weltbühnen, dem bestimmt atemberaubendgewagten Brüller im prüden 19.Jahrhundert?
Um die zwei finanziell gut- und geistig minderbemittelten Schwestern Kitty und Mimi in die Kuschelkiste zu kriegen, muss Kumpel Babberley für die Anbaggerfete seiner Freunde Jack und Charles die Anstandsdame mimen. Ein Mann mit BH über der pelzigen Brust, da drischt man sich seit jeher zwischen Schunkelzelt und Funkengardenparade auf die Schenkel vor Lachen. Auch Chemnitz erlebt am Sonnabend ein heftig applaudierendes, freudentaumeliges Premierenpublikum - und einige Zuschauer flüchten in der Pause.
Call versucht mit Musik und Text ein paar straffend-ironische Abnäher an der alten Klamotte von Brandon Thomas (1856-1914). Herausgekommen ist dabei ein lächerlicher, süßlich- vertunteter Strapsschlüpfer, bei dem man sich fragt, ob man so was zum Antörnen wirklich gesehen haben muss.
Michael-Paul Milow verwandelt sich als falsche Tante zugegeben in einen hübsch hochbrüstigen Wonneproppen im Rosenmusterraschelkleid (Ausstattung: Marcus Lachmann). Anne-Else Paetzold glaubt man als echter bumsfideler argentinischer Tante, dass sie ihre Rindersteaks eigenärschig unterm Sattel weich reitet. Zu diesen spärlichen Erfreulichkeiten des Abends lässt Call kreischende Tussen und Tunten, einen versoffenen Butler, einen debilen Militärpapa und einen lüsternen Glatzenwitwer überzogen-unglaubwürdig auf der Bühne herumzucken, -singen und -zappeln. "Ist die behindert? Nein, die ist politisch aktiv", gehört zu anspruchsvolleren Neutexten; "Buenos Aires - das heißt die Stadt der schönen Eier" zu den unterirdischen.
Mit Piff und Paff wird herumgeballert, schwul betätschelt man sich auf Dorftheaterniveau. Als Dauerbrenner gibt es kollektiv-synchrones Erschrecken mit viel "Huch" und "Hach".

Ch. Hamann-Pönisch, Chemnitzer Morgenpost, 19.03.2007

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Billiger Klamauk in feinem Zwirn

Die Chemnitzer Uraufführung von „Charleys Tante“ in der Fassung von Daniel Call war nicht einmal witzig.

Im Programmheft steht viel Tolles. So wird zum Beispiel eine der turbulentesten Komödien angekündigt. Die Frage ist nur, ob sich der Superlativ auf Chemnitz oder die Welt bezieht. Denn das eine wäre eine traurige Wahrheit. und das andere wäre schlichtweg gelogen.
Deutlicher gesagt: Die Chemnitzer Uraufführung von „Charleys Tante“ nach einer Fassung von Daniel Call ist nicht unbedingt ein Brüller. Sicher hat der Abend so manche urkomische Szene, so manchen prickelnden Dialog und schöne musikalische Einlagen, aber eben keine inszenatorische Idee. Da wird munter Klamauk an Klamauk gereiht. Da trifft Kitsch auf Klischee. Die Situationskomik bleibt auf der Strecke.

Travestie-Einlagen

Wer den über hundert Jahre alten Stoff kennt, der weiß, dass es vor allem die Travestie-Einlagen des Lord Babberley sind, die all die wilden Verwirrungen und lustvollen Verirrungen antreiben. Er, der für seine beiden Freunde aus verarmtem Adel die Anstandsdame gibt, damit sie die schwerreichen Zwillingsschwestern Kitty und Mimi zum Diner einladen und womöglich zur Ehe überreden können, ist in der Inszenierung von Daniel Call allerdings nicht mehr als ein plumper Grapscher, der sich nebenher auch einiger Avancen erwehren muss.
Witzig ist das alles nicht, eher eine Schmierenkomödie, in der es dann sogar völlig egal ist, dass der Schwindel auffliegt. Da kann auch die Musik von Niels Fölster nicht wirklich helfen, und selbst die verkitschte Ausstattung von Marcus Lachmann ist nur so lange schön bis das erste Großwild über die Bühne rollt.

Publikum beweist Humor

Bloß gut, dass einigen Schauspielern genug Stil bleibt. Etwa Michael Pempelforth, der als Jack die besten Pointen fast beiläufig spielte. Wunderbar auch, wie Sylvia Bretschneider als Mimi bis nahe am Erstickungstod kämpft, um einen Schluckauf zu beenden. Und allen voran Anne-Else Paetzold, die als Donna Lucia eine abgeklärte Lady mit viel Esprit vorstellt.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Zumindest ist dem Chemnitzer Publikum nicht abzustreiten, dass es Spaß versteht. Auch wenn der Humbug noch so groß ist.

Jenny Zichner, Sächsische Zeitung, 20.03.2007

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  Erstellt am 20.03.2007